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Der Torball
Gedanken anlässlich der laufenden Torball Schweizermeisterschaften

von Jürg Eich

Grüezi liebe Leser, ich bin ein Torball und Insasse des Turnhallengefängnisses Bad Ragaz und sitze hier mit fünf anderen Bällen eine mehrjährige Haftstrafe ab. Unsere Zelle ist die unterste Schublade im Geräteraum. Die Einrichtung ist einfach: jeder hat einen Teppich zum Schlafen, die Schnüre dienen uns als Wäscheleinen. Auch brauchen wir viel Klebband zum befestigen unserer Betten.

Es wird alles sorgfältig abgemessen mit dem Messband. An der Decke der Schublade hängt eine schwarze Trillerpfeife. Ich befehle mit ihr wenn Nachtruhe in der Schublade ist. Besonders freuen wir sechs uns auf den Montagabend, denn dann dürfen wir in den Hof, um uns mit Blinden und Sehbehinderten aus der Region auszutoben. Natürlich müssen wir unsere ganze Zelleneinrichtung in den Hof bringen, damit die Sehbehinderten das Spielfeld aufbauen können.
Wir Bälle schauen gespannt dem hektischen treiben zu und warten bis wir zum Einsatz kommen. Der Chef der Spieler macht mit uns Bällen jedes Mal einen Medizincheck. Es ist ziemlich schmerzhaft und ich hasse es wie verrückt, wenn er da uns alle mit dieser Luftpistole den Bauch aufbläst, denn es pickst jedes Mal, aber nach dieser Prozedur wissen wir, dass es jetzt für uns Bälle ernst gilt. Zuerst wird mit uns eingeschossen, das ist für uns Bälle sehr wichtig, denn jeder von uns versucht mit seinen Glöckchen, die im Bauch implantiert sind, die beste Lautstärke zu erzeugen, denn der beste darf zur Kür auflaufen und den Match drei gegen drei bestreiten.

Heute bin ich der Ball für den Match. Ich bin sehr launisch und mache sicher nicht immer was die Spieler mit mir wollen. Mal schlage ich zu, indem ich jemandem einen blauen Fleck zuführe, das andere Mal wenn ich Lust habe hüpfe ich über die Körper der liegenden Spieler und es gibt ein Goal. Ein anderes Mal hüpfe ich extra aus dem Spielfeld und so geht es mit mir hin und her bis um halb zehn der ganze Spuk wieder vorbei ist und wir wieder in unsere Zelle abgeführt werden. Es wäre für uns Bälle schon schön, wenn noch mehr Blinde und Sehbehinderte Lust hätten uns zu fordern.

Tschüss und auf Wiedersehen die Torbälle aus Bad Ragaz.